Fakultät Wirtschaft - BWL

Experteninterviews

Geldanlage 2.0 - Social Trading & Co.

 

Interview mit Stefan Greunz, wikifolio.com, Head of Business Developement

Am. 19. Januar 2016 war Stefan Greunz, wikifolio.com, Head of Business Developement, im Rahmen des Integrationsseminars zu Besuch im Studienjahrgang 2013. Herr Greunz sprach mit unseren Studierenen über das Thema: "Geldanlage 2.0 - Social Trading & Co."

Wolf Wössner:
Herr Greunz, zusammen mit Andreas Kern haben Sie 2008 wikifolio.com gegründet. Welche Geschäftsidee stand seinerzeit bei der Gründung Pate?

Stefan Greunz:
Die Idee zu wikifolio.com entstand 2008. Damals wurde Andreas Kern von seiner Hausbank ein Finanzprodukt angeboten. Dieses stellte sich, als er nachrechnete, als völlig unrentabel heraus und hätte in den letzten 70 Jahren nur Gebühren verursacht und praktisch null Rendite abgeworfen. Aufgrund dieses Ärgernisses überlegte sich Andreas, wie das perfekte Finanzprodukt in Zeiten von Social Media aussehen sollte. An den Start mit wikifolio.com sind wir allerdings erst im Sommer 2012 gegangen, nachdem die Finanzkrise die Umsetzung bremste und wir erst 2011 Kapitalgeber von der Innovationskraft unserer Idee überzeugen konnten.

Veronika Boes:
Was bietet wikifolio.com dem privaten Anleger? Welche Bedürfnisse deckt Ihr Haus ab?

Stefan Greunz:
Das wikifolio.com Prinzip ist einfach: Erfahrene Trader oder auch professionelle Vermögensverwalter können Ihre Handelsideen als sogenannte wikifolios publizieren. Finden sich zehn Unterstützer für ein wikifolio, kann es Basis für ein börsengelistetes Finanzprodukt und bei jeder Bank ganz einfach erworben werden.
Anleger können schon mit relativ kleinen Beträgen die Handelsideen der wikifolio-Trader nutzen. Das Listing der wikifolio-Zertifikate an der Börse Stuttgart sorgt für regulierten und transparenten Handel. Auf der Plattform sind alle Trades in den wikifolios öffentlich einsehbar, und wer möchte, kann jeden Schritt der Trader mitverfolgen und einfach mitlernen.
Nicht jeder hat ausreichend Zeit und Kompetenz, um sich mit den Märkten zu beschäftigen. Darüber hinaus ist jeder Anleger meist fokussiert auf einzelne Märkte, Branchen oder ein Handelssystem. Was aber für alle gilt: Für langfristig gute Ergebnisse muss man diversifizieren. Mit wikifolios ist dies relativ einfach möglich – und zwar nicht nur nach Branche, Land oder Asset-Klasse, sondern auch beispielsweise nach Trading-Stil. Wikifolios können damit die ideale Beimischung sein und sollten meiner Meinung nach in keinem Portfolio fehlen.

Jens Saffenreuther:
Dabei kooperieren Sie intensiv mit dem Wertpapierhaus Lang & Schwarz, aber auch mit der Börse Stuttgart. Welche Rolle spielen diese beiden Institutionen für wikifolio.com?

Stefan Greunz:
Lang & Schwarz AG ist Emittentin der wikifolio-Indexzertifikate, die auf Basis der wikifolio-Musterdepots entstehen. Sie ermöglichen, dass jeder Anleger bei seiner Bank die Produkte direkt kaufen und verkaufen kann. Darüber hinaus war und ist Lang & Schwarz aber auch wichtiger Ideengeber für uns. Sie haben sicherlich einen großen Anteil an unserem Erfolg – sie die waren die ersten, die das Erfolgspotenzial der Idee von wikifolio.com erkannt haben. Die Börse Stuttgart ist der exklusive Listing-Platz für wikifolio-Zertifikate. Sie ermöglichen somit das Börsen-Listing aller wikifolio-Zertifikate, gewährleisten einen offiziellen Track-Record aller Strategien und die entsprechende Handelbarkeit. Resultat der Zusammenarbeit mit diesen beiden Partnern ist unser weltweites Alleinstellungsmerkmal. Es gibt aktuell keine andere Social Trading Plattform, die ihre Handelsideen in börsengelistete Produkte verpackt.

Wolf Wössner:
Transparenz und Sicherheit sind Stichworte, die vielen Anlegern am Herzen liegen. Welchen Stellenwert haben diese in Ihrem Haus?

Stefan Greunz:
Transparenz und Sicherheit stehen bei uns an oberster Stelle!
Im Gegensatz zu klassischen Anlageformen achten wir auf maximale Transparenz – das beginnt bei der Entwicklung unserer Plattform und reicht bis zum eigentlichen Finanzprodukt. Bei herkömmlichen Fonds weiß man häufig nicht genau, was man kauft: Vertrauen ist da alles, Kontrolle nur selten möglich. Bei wikifolios liegt alles offen: Auf wikifolio.com sind sämtliche Trades, alle Kurse und die Performance der wikifolios lückenlos dokumentiert, mit realen Marktdaten und in Echtzeit.
In Punkto Sicherheit geht es bei uns natürlich hauptsächlich um das Geld der Anleger. wikifolio-Zertifikate werden an der Börse Stuttgart (EUWAX) und außerbörslich über Lang & Schwarz zum Handel angeboten. Wikifolio.com und der Trader erhalten kein Geld der Anleger. Lang & Schwarz strebt eine vollständige Absicherung der Positionen aus den wikifolio-Zertifikaten an. Dennoch besteht – wie bei allen Zertifikaten - grundsätzlich ein so genanntes Emittentenrisiko.

Jens Saffenreuther:
Wikifolio.com ist wohl eines der Fintech-Unternehmen, das hierzulande über den größten Bekanntheitsgrad verfügt. Und vor allem: Ihr Haus kann in auffälligem Kontrast zu anderen Fintechs bereits heute auf eine überaus erfolgreiche Geschäftsentwicklung sowie schwarze Zahlen verweisen! Welche Zahlen und Fakten stehen derzeit zu Buche?

Stefan Greunz:
Ja, wir scheinen den Puls der Zeit hinsichtlich Transparenz und Offenheit beim Thema Finanzprodukte getroffen zu haben. Aktuell haben wir bereits über 4.000 wikifolios, als wikifolio-Zertifikate an der Börse Stuttgart oder im Direkthandel bei Lang & Schwarz handelbar gemacht, pro Woche kommen im Schnitt 100 weitere dazu. Unsere Trader haben bereits 4,5 Millionen Transaktionen durchgeführt und ihre Entscheidung mit mehr als 275.000 Kommentaren begründet. Wikifolio.com ist ein großer Informations-Marktplatz, der täglich wächst und den jeder kostenfrei nutzen kann.

Veronika Boes:
Welche Marketingstrategie lag dieser eindrucksvollen Geschäftsentwicklung zugrunde?

Stefan Greunz:
Wir fahren eine sehr effiziente und zielgerichtete Marketingstrategie mit starkem Fokus auf eine finanzaffine Zielgruppe. Im Mittelpunkt stehen unsere Community und der Content, den sie in Form von Handelsideen, Trades und Kommentaren produziert. Von Anfang an waren starke Partnerschaften mit etablierten Playern im Finanzbereich – renommierten Finanzmedien, großen Online Broker bzw. Bankhäusern – ein wichtiger Baustein. Sie profitieren vom „User Generated Content“ unserer Community, wodurch wiederum Reichweite für Trader und ihre wikifolios generiert wird. 

Jens Saffenreuther:
Mit der wikifolio-Plattform bieten Sie ein Format, das bewusst den Wettbewerb mit aktiv gemanagten Investmentfonds oder auch mit Strategie-Zertifikaten sucht. So gesehen stehen Sie mit der Bankbranche in intensiver Konkurrenz. Auf der anderen Seite werden durch aktive wikifolios börsengängige Wertpapiere geschaffen, die den Banken und Sparkassen neue Geschäftsmöglichkeiten bieten! Sehen Sie wikifolio.com eher als Konkurrenten oder mehr als (potenzieller) Kooperationspartner der Banken?

Stefan Greunz:
Wir sehen uns keinesfalls als Konkurrenz von etablierten Bankhäusern. In diesem Bereich waren wir von Beginn an, wie bereits erwähnt, besonders um Partnerschaften und Kooperationen bemüht. Für große Banken und Finanzdienstleister sind wir eher ein Vehikel, um Leute zum Trading anzuregen oder auch zur Geldanlage zu bringen. Mittlerweile betreiben auch knapp 40 Vermögensverwalter bei uns wikifolios, da auch sie erkennen, dass sich der Zugang zum Thema Geldanlage radikal verändert. Das Thema der provisionsgetriebenen Finanzprodukte wird zunehmend mit neuen regulatorischen  Maßnahmen in den Hintergrund treten. Die Zeit als Berater nur hauseigene Produkte vertreiben durfte, ohne auf die Interessen und Wünsche des Kunden einzugehen, gehört schon bald der Vergangenheit an.
 
Veronika Boes:
Zum Abschluss nachgefragt: Mit welchen Neuerungen oder Innovationen aus dem Hause wikifolio.com können die Anleger demnächst rechnen?

Stefan Greunz:
Nachdem wir am Anfang des Jahres erfolgreich wikifolio.com einem kompletten Relaunch unterzogen haben, bei dem speziell mobile Endgeräte wie Handys oder auch Tablets unterstützt werden, haben wir aktuell den Fokus auf eine Verbreitung der Anleger-Zielgruppe. Aktuell läuft auch unsere erste große TV-Werbekampagne und wir erhoffen uns natürlich neue Nutzer für wikifolio.com, sowohl potenzielle Trader als auch Anleger.
Speziell für Anleger werden wir in den nächsten Monaten neue Formen der Suchzugänge, also „Wie finde ich das passende Produkt?“ einführen. Die wikifolio.com Watchlist wird um einen Newsfeed erweitert,  vergleichbar mit dem Newsfeed bei Facebook. wikifolio.com Nutzer finden dort News, Kommentare und Trades sowie Hinweise zu Änderungen in den wikifolios auf der persönlichen Watchlist. Die weitere europäische Expansion, wie auch das verstärkte Engagement bei Vermögensverwaltern stehen ebenfalls auf unserer Agenda – es wird sicherlich ein sehr spannendes Jahr für wikifolio.com.

Wolf Wössner:
Herr Greunz, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

Mosbach, 19. Januar 2016