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Kultusministerin kam zum achten Bildungsgespräch an die DHBW Mosbach

19. März 2018

Klares Bekenntnis der Bildungsministerin zu Leistungs- und Qualitätsanspruch an den Schulen

Beim 8. Mosbacher Bildungsgespräch (v. l. n. r.): Albert Strecker, Peter Hauk, Susanne Eisenmann, Richard Zöller sowie Gabriela Fischer-Rosenfeld. Foto: Wössner

„Das Schiff schwimmt“, stellte Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport im Verlauf des Abends fest. Das Schiff sollte die Bildungspolitik des Landes Baden-Württemberg symbolisieren. Zwar fahre es bildlich gesprochen manchmal durchaus in schwerer See, wenn man die aktuellen Bildungsprobleme im Land betrachte, jedoch drohe es nicht zu sinken.

In frei vorgetragener Rede stellte Eisenmann zu Beginn die Schwerpunkte der Bildungspolitik im Lande dar. Sie benannte klar die Problemfelder des Systems und bekannte sich entschieden zum Leistungs- und Qualitätsanspruch in den Schulen. Gleichzeitig bekräftigte sie den föderalen Anspruch des Landes in der Schulpolitik. Baden-Württembergs „Qualitätsprobleme“ entstünden nach den Worten der Kultusministerin als eine Folge von Untätigkeit. Der Abstieg erfolge nicht ruckartig, sondern schleichend. Zulange habe man sich auf den Lorbeeren, leistungsmäßig in den oberen Rängen zu liegen, ausgeruht. Mit Schlagzeilen der Zeit wie „Bildungsland ist abgebrannt“ bekomme man nun die Quittung. Nun gelte es, Stärken im System weiter zu entwickeln und Schwächen konsequent zu bekämpfen.

Mit den richtigen Schwerpunkten im gut elf Milliarden Euro schweren Bildungsetat soll das Schiff sozusagen wieder auf Kurs gebracht werden. Jeder fünfte Euro im Landeshaushalt fließe in die Bildung. Der Nachholbedarf sei groß, gemessen an den Maßstäben, die in Bayern oder Sachsen gelten würden. Im deutschlandweiten Grundschulvergleich liegt jeder fünfte baden-württembergische Grundschüler der vierten Klasse in der Rechtschreibung und jeder sechste in der Mathematik unterhalb des geforderten Standards. Jeder siebte könne nicht lesen und insgesamt sei die Versagerquote doppelt so hoch wie im Nachbarland Bayern. Eisenmann fordert deshalb ein „schnelleres und strukturierteres Vorgehen“, um die beklagten Defizite auszugleichen. Eine modifizierte Neuauflage der Grundschulempfehlung sei dabei ein erster Schritt in diese Richtung. Der Einheitsschule bis zur sechsten Klasse mit anschließender Differenzierung erteilte sie eine klare Absage. Jene Länder, denen es gelungen sei, bildungspolitisch die oberen Ränge zu besetzen, hätten es verstanden, kohärente Bildungsbiografien für Kinder zu entwickeln, so Eisenmann. Und dies beginne bereits in der Kindertagesstätte. Die besagten Länder verpflichten nämlich die Eltern von Kindern mit sprachlichen und motorischen Defiziten, Unterstützungsangebote anzunehmen.

Die Ministerin warnte davor, neben denjenigen, die Förderbedarf hätten, diejenigen, die unterfordert sind, zu vergessen.Die promovierte Germanistin bekannte sich für Baden-Württemberg, dem Land, in dem in der Grundschule derzeit am wenigsten Diktate geschrieben würden, klar zu „Leistungsstanderhebungen“. Rechtschreibung soll nicht nur in den Grundschulen von Anfang an richtig vermittelt werden, sondern auch in den höheren Schulen wieder in den fachfremden Arbeiten korrigiert werden. Wie man überhaupt auch an den Gymnasien wieder zu Grund- und Leistungskursen zurückkehre. Und ein Abitur ohne Mathematik oder Deutsch wird es mit Eisenmann zukünftig nicht mehr geben. Im Verlauf der Diskussion erhielt sie für ihre Positionen von berufener Seite wie Rektoren und dem Vorsitzenden des Landesphilologenverbandes Bernd Saur breite Zustimmung.

Dass die Schule heutzutage in weiten Teilen zum „Reparaturbetrieb der Gesellschaft“ geworden sei, räumte Eisenmann ein. Sie beklagte, dass sich Eltern über alle Gesellschaftsschichten hinweg, aus dem Erziehungsauftrag verabschiedet hätten. Als Stärke des baden-württembergischen Schulsystems sieht sie dessen „Durchlässigkeit“, was bedeute, dass es unterschiedliche Wege zum Abitur oder zur Ausbildung gäbe. Und die Realschule spiele im Land schon deshalb eine zentrale Rolle, weil sie die Eltern schätzen würden. Auch die Gemeinschaftsschulen mit ihrem pädagogischen Konzept fänden bei vielen Eltern Anklang. Sie seien allerdings nicht für jedes Kind und alle Eltern geeignet. Die CDU-Politikerin und ehemalige Stuttgarter Kulturbürgermeisterin stuft die berufliche wie auch die akademische Ausbildung als absolut gleichwertig ein. Das gelte besonders vor dem Hintergrund, dass die Hälfte der Studierenden ihr Studium an den Hochschulen im dritten oder vierten Semester abbrechen würden. Einen Tag für die berufliche Orientierung an allen weiterführenden Schulen sieht sie deshalb als zielführend an. Und obwohl Eisenmanns Leitsatz lautet, dass „Technik der Pädagogik folgt“, werden auch finanzielle Mittel für Digitalprojekte bereit gestellt.

Um alle Maßnahmen greifen zu lassen, sei die wichtigste Voraussetzung aber, dass Unterricht überhaupt stattfinde. Ein großes Problem, dass sich dieser Maxime noch für einige Zeit in den Weg stelle, sei der eklatante Lehrermangel, der durch die anrollende Pensionierungswelle noch verstärkt würde. Alleine 5 000 offene Lehrerstellen gebe es in Baden-Württemberg zu besetzen. Was aus der akademischen Lehrerausbildung auf den Bewerbermarkt gelange, sei aber nicht nur insgesamt zu wenig, sondern manchmal auch am Bedarf vorbei entwickelt. So gebe es ein deutliches Überangebot in den in Deutsch mit Sprachen kombinierten Abschlüssen. Engpässe bestünden dagegen bei den MINT-Fächern. Dabei habe man die Ausbildungskapazitäten deutlich erhöht. Nach den Worten der Ministerin muss sich der Gymnasiallehrernachwuchs darauf einstellen, dass sich das Einsatzspektrum für sie deutlich verbreitert. Verwendungen in beruflichen Gymnasien oder der gymnasialen Stufe einer Gemeinschaftsschule seien durchaus zumutbar. So weit wie Bayern, wo Gymnasiallehrer für einen Einsatz an Grundschulen zwangsverpflichtet würden, will Eisenmann jedoch nicht gehen.

Auch das achte Mosbacher Bildungsgespräch stand am Ende im Zeichen eines echten „Meinungsaustauschs“, den sich Richard Zöller, Mitorganisator und Mitglied im Arbeitskreis Bildung, eingangs gewünscht hatte. Zuvor hatte sich Prof. Dr. Albert Strecker, Prodekan der gastgebenden DHBW Mosbach wieder über „einen vollen Audimax der Hochschule gefreut. Bildung bewegt die Menschen eben auch in Mosbach und so brachte das Gespräch mit anschließendem fast anderthalbstündigen Austausch, von Gabriela Fischer-Rosenfeld moderiert, ein Publikum aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammen. Neben Pädagogen, Professoren, Rektoren und Schülern waren auch Bürgermeister und Kommunalpolitiker als Vertreter der Träger präsent. Ebenso auffallend wie wohltuend war die konstruktive und sachliche Atmosphäre des Abends, trotz teilweise unterschiedlicher Sichtweise und Perspektiven.