Unser (Oden)Wald - Gestern, Heute und Morgen?

Studiengangsleiter für BWL-Handel Holzwirtschaft Prof. Dr. Hubert Speth im Interview

Warum gab es im Odenwald vor 200 Jahren nahezu überhaupt keinen Wald? Und wie ist es im Zeitalter des Klimawandels wirklich um unsere Wälder bestellt? Ob wir in Zukunft überhaupt noch Wald haben werden und wie der dann aussehen könnte, diesen Fragen geht Prof. Dr. Hubert Speth nach. Er promovierte an der Universität Hamburg im Studiengang Holzwirtschaft und ist an der DHBW Mosbach Studiengangsleiter für BWL-Handel Holzwirtschaft. Darüber hinaus gründete er die internationale Virtual Wood University, ein Gemeinschaftsprojekt zwischen deutschen, österreichischen, finnischen und estinischen Holz-Hochschulen, ist Ambassadeur für Forstwirtschaft und Holzhandel bei der KOALITION für HOLZBAU und Mitautor eines Podcasts zu Wald und Holz.

 

Herr Speth, wie ist es aus Ihrer Sicht um den Wald in der Region bestellt?

Zwar geht es dem Odenwald noch immer besser als den Wäldern in anderen Regionen Deutschlands, wie z.B. im Sauerland, Harz oder dem Thüringer Wald, wo bereits großflächig ganze Waldflächen abgestorben sind. Allerdings sind wir mittlerweile auch weit davon entfernt, dass wir sagen können, dass es unseren Wäldern hier in der Region gut geht.

Die Menschen im Odenwald lieben ihren Wald. Was lässt sich denn machen, dass wir den weiter genießen können?

Der Odenwald, wie der Name schon sagt, ist schon immer ein Waldgebirge gewesen, ursprünglich ausschließlich mit Laubwäldern bestockt, wie die vielen wunderbaren Fachwerkstädte in unserer Region beweisen. Durch die starke Übernutzung im ausgehenden Mittelalter und zur beginnenden Neuzeit hatten sich die Zustände jedoch derart dramatisch verschlechtert, so dass wir vor rund 200 Jahren kaum noch geschlossene Waldflächen hatten. Der Klimawandel mit den langanhaltenden Trockenperioden und den damit einhergehenden Schäden wie z.B. durch Borkenkäfer wird voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten zu ähnlich starken Verwerfungen führen wie wir sie vor rund 200 Jahren in der Region schon mal erlebt haben. Aber es ist nicht so, dass die Forstwirtschaft nicht schon lange versucht, da gegenzusteuern. Spätestens seit den verheerenden Stürmen Vivian und Wiebke Anfang der 1990er Jahre werden unsere Wälder mit standortgerechten Baumarten umgebaut. Die Frage ist nur, wie viel Zeit uns der Klimawandel noch für diesen zwingend notwendigen Waldumbau lässt.

Was sind denn standortgerechte Bäume? Welche Baumarten sollte man pflanzen und welche Fehler vermeiden?

Standortgerecht sind diejenigen Baumarten, die mit den Wasser-, Nährstoff- und Klimaverhältnissen des jeweiligen Standorts voraussichtlich auch in Zukunft gut zurechtkommen. Beispielsweise ist die Fichte ein Flachwurzler, während Tannen, Kiefern und Eichen Pfahlwurzeln haben. Das heißt, diese Baumarten können mit ihren Wurzeln wesentlich tiefere Bodenschichten erschließen. Dadurch kommen sie an Wasserreservoirs, die die Fichte nicht erreicht. Grundsätzlich spricht auch nichts dagegen, schnellwachsende Baumarten wie die Douglasie einzusetzen. Allerdings sollte man tunlichst verhindern, sie in Monokulturen anzupflanzen, um nicht die gleichen Massenkalamitäten hervorzurufen, wie wir sie aktuell bei der Fichte erleben. Manche Ökologen sind jedoch deswegen gegen die Douglasie, da sie aus Nordamerika kommt und somit keine einheimische Baumart darstellt, obwohl sie vor der letzten Eiszeit auch in Mitteleuropa heimisch war. Allerdings darf man ihr Potential auch nicht überbewerten, in ihrer nordamerikanischen Heimat ist auch sie Krankheiten, wie z.B. Pilzen oder Insekten ausgesetzt, die zum Absterben ganzer Wälder führen können.

Ein weiterer Fehler, den man nicht machen darf, ist einfach südeuropäische Baumarten nach Mitteleuropa zu holen, um sie hier anzupflanzen. Ich denke, wir werden nicht einfach eine Verschiebung des Klimas von Süden nach Norden bekommen, sondern es werden vor Ort ganz neue Klimabedingungen entstehen, die es so bis dato nicht gegeben hat. Das bedeutet zum Beispiel, wir werden im Sommer Trockenphasen haben, wie wir sie zur Zeit wieder erleben und trotzdem im Mai noch Spätfrostperioden. Das würde dazu führen, dass die südeuropäischen Baumarten zwar die Trockenheit im Sommer überstehen, dafür im nächsten Mai erfrieren würden.

Sieht man den Klimawandel in den Wäldern bereits?

Ja, viele Bäume sind bereits der Dürre zum Opfer gefallen und stehen vertocknet am Wegesrand. Auch wenn Sie tiefer in die Wälder hineingehen, finden Sie auch bei uns bereits größere Kahlflächen, die aufgrund der Dürreperioden 2018-20 und dem wieder viel zu trockenen Sommer 2022 entstanden sind. Diese Entwicklung war auch ausschlaggebend für meinen Vortrag an der DHBW. Meine Kollegin Anja Kern meinte vor einiger Zeit, dass sie den Klimawandel in ihrem Alltag überhaupt nicht wahrnimmt, wohingegen ich mit meinen Wäldern bereits seit Jahren von einer Katastrophe in die andere gerate.

Müssen wir uns hier nicht auch massiv verändern? Und wirtschaftliche Aspekte mit Blick auf einen zukunftsfähigen Wald in den Hintergrund stellen?

Da bin ich als Waldbesitzer absolut bei Ihnen. Meine Wälder erbringen für die Gesellschaft weitaus mehr Leistungen als lediglich die Holzproduktion, beispielsweise binden sie CO2, produzieren Sauerstoff und speichern Wasser, dienen dem Artenschutz und können zur Erholung genutzt werden. Allerdings habe ich 2020 für einen 70 Jahre alten Baum, den mein Großvater gepflanzt und mein Vater sein ganzes Leben gepflegt hat, gerade mal zwei Euro bekommen. Solange die Gesellschaft nicht dazu bereit ist, die Waldbesitzer für die sonstigen Leistungen des Waldes zu entlohnen, werden viele von ihnen weiterhin auf schnell wachsende Baumarten wie die Douglasie setzen müssen.

Wenn Sie die Förderung für Wälder gestalten könnten, wie würde sie aussehen?

Hier gäbe es verschiedene Ansätze. Die vor zwei Jahren erstmals ausgezahlte Klimaprämie ist jedoch lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich habe für meine 20 Hektar Wald gerade mal 1.300 Euro bekommen, gleichzeitig aber durch die Trockenheit mit anschließenden Käferkalamitäten Verluste erlitten, die im höheren fünfstelligen Bereich liegen. Ein spannender Ansatz wird gerade in Neuseeland verfolgt, dort bekommen Waldbesitzer für ihre Wälder kostenlose CO2-Zertifikate, die auf dem Markt frei handelbar sind. Je nachdem, wie die sich preislich entwickeln, hätte der Waldbesitzer noch eine weitere attraktive alternative Einnahmequelle.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Holzhandel bzw. der Holzwirtschaft?

Auch in der Holzwirtschaft selbst gibt es noch viel Potential, das Holz ressourcenschonender einzusetzen. Zum Beispiel ist das „Produkt der Stunde“, das Brettsperrholz, nicht wirklich ressourceneffizient. Auch wandern 70 bis 80 Prozent unseres Laubholzes noch immer direkt aus dem Wald in den Ofen und setzt das gebundene CO2 umgehend wieder frei, anstatt dass es zuerst stofflich genutzt wird. Hier ist sicher noch viel Luft nach oben. Trotzdem ist Holz mit großem Abstand der umweltverträglichste Baustoff, den wir haben, denn im Gegensatz zu allen anderen Baustoffen wird bei der Produktion kein CO2 freigesetzt, sondern nachhaltig gebunden.

Warum ist Brettsperrholz so beliebt? Was macht es so ressourcenaufwendig? Sollte man als Konsument darauf achten, eine Alternative zu kaufen, und wenn ja, welche?

Brettsperrholz ist relativ einfach herzustellen, gut zu verarbeiten und besitzt einen hohen Vorfertigungsgrad in der Fabrik. Dadurch reduziert sich die Zeit auf der Baustelle erheblich. Da Forschungsinstitute wie das Thüneninstitut in Hamburg jedoch davon ausgehen, dass ab Mitte der 2030 Jahre der Vorrat vor allem an Fichtenholz massiv zurückgehen wird, muss sich die Holzindustrie sowieso auf Alternativen einstellen, weil ihr sonst der Rohstoff ausgeht oder nicht mehr bezahlbar sein wird. Eine attraktive Alternative ist der Holzrahmenbau, der mit deutlich weniger Rohstoff auskommt. Auch Hybridprodukte wie eine Kombination von Brettsperrholz aus Laub- und Nadelholz werden bereits erforscht.

Was halten Sie von „Urwäldern“ oder anderen Projekten, die möglichst gar nicht in den natürlichen Prozess eingreifen wollen?

Auch ich habe in der Gemeinde Mudau einen Wald, der die gleiche Naturausstattung hat wie ein benachbartes Naturschutzgebiet. Diesen Wald habe ich extra deswegen erworben, um ihn aus der Nutzung heraus zu nehmen und ihn dadurch zu schützen. Gleichzeitig besitze ich jedoch auch Fichtenwälder, die voraussichtlich die nächsten Jahrzehnte nicht überleben werden. Die könnte ich theoretisch ebenfalls aus der Nutzung nehmen, wenn die Gesellschaft mir dies kompensieren würde. Allerdings würde dies im Umkehrschluss dazu führen, dass wir stattdessen wieder mehr umweltschädlichere Baustoffe einsetzen müssten. Sie merken, hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Was verbinden Sie mit dem Wald im allgemeinen und mit dem Odenwald im Speziellen?

Ich bin hier im Odenwald geboren und aufgewachsen, der Odenwald ist meine Heimat, mit der ich natürlich weit mehr verbinde als nur den Wald. Aber aus der Arbeit mit und in meinen Wäldern schöpfe ich viel Kraft und Energie für meinen beruflich doch recht anstrengenden Alltag. Zu meinem 50. Geburtstag, haben mir die Kolleg*innen ein T-Shirt geschenkt mit dem Aufdruck: „Born to be Wald“ – ich denke dies beantwortet Ihre Frage am besten.

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