Chance mit beiden Händen ergriffen

„Die Nutzung künstlicher Intelligenz wird in vielen Bereichen immer relevanter. Es ist eine Freude, in Bad Mergentheim daran zu arbeiten“, sagt Tetiana Korkh, die aus der Ukraine floh und an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach (DHBW) am Campus Bad Mergentheim eine neue Aufgabe gefunden hat.

An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach mit Campus Bad Mergentheim gibt es seit 2022 mehrere neue ukrainische Mitarbeiter, die nach ihrer Flucht aus der Heimat und vor dem russischen Angriffskrieg hier eine neue Chance und einen Arbeitsplatz erhalten haben. Dazu gehört auch Tetiana Korkh. Sie hat in der Kurstadt eine Labor-Ingenieur-Stelle im Bereich „Angewandte Informatik“ übernommen und befasst sich mit Prof. Dr. Carsten Müller mit Künstlicher Intelligenz und im Detail mit autonomen Transport- und Lieferfahrzeugen.

„Mein Name ist Tetiana Korkh. Ich bin 21 Jahre alt. Ich komme ursprünglich aus der Ukraine, aus der Stadt Lviv. Und ich bin auf der Krim in der Stadt Simferopol geboren. Aufgrund der Besetzung der Krim 2014 mussten meine Verwandten und ich nach Lviv ziehen. Nach erfolgreichem Schulabschluss habe ich am Nationalen Institut des Lemberger Polytechnikums den Studiengang Geoinformationstechnologie belegt. Aufgrund des russischen Einmarsches in der Ukraine im Frühjahr 2022 beendete ich meine Ausbildung online in Deutschland.“ Das erzählt Tetiana Korkh im FN-Gespräch und zeigt mit einem Strahlen im Gesicht, dass ihr Deutsch von Tag zu Tag besser wird. Am Anfang kam ihr und allen Kollegen der Google-Online-Übersetzer sehr zur Hilfe, denn die Deutschkenntnisse waren zunächst minimal.

Sie berichtet auch, dass „am ersten Tag des totalen Krieges die ganze Ukraine in den frühen Morgenstunden aufwachte und entsetzt war über das, was geschah. Alle waren im Unklaren darüber, wie sich die Ereignisse entwickeln würden. Meine Familie beschloss, das Land sofort zu verlassen. Spät in der Nacht packten wir unsere Habseligkeiten und Dokumente zusammen und machten uns unter dem Geheul der Sirenen auf den Weg zur polnischen Grenze.“

Freunde holten sie und ihre Familie in Polen ab und brachten sie nach Mosbach. Dort lernte sie vor einem Jahr dann bei einem Tag der offenen Tür die Duale Hochschule kennen. Marion Münig, die stellvertretende DHBW-Verwaltungsleiterin in Bad Mergentheim, und Professor Müller verschafften ihr schließlich ab Dezember 2022 die Stelle in Bad Mergentheim.

„Frau Münig und Professor Müller boten mir eine große Chance auf einen Arbeitsplatz, und dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Tetiana Korkh, die das „sehr freundliche Team, die gute Aufnahme und die Unterstützung“ in höchsten Tönen lobt.

Marion Münig antwortet dazu: „Bei Frau Korkh spürt man die Dankbarkeit bis heute, man merkt richtig, wie sie die Chance, die sie hier erhalten hat, mit beiden Händen greift! Wir unterstützen sie sehr gerne und sind begeistert von ihr, wenngleich es anfangs tatsächlich ob der Sprachbarrieren einige Bauchschmerzen gab.“

Mit Künstlicher Intelligenz und ukrainischem Fachwissen am Werk

Gemenisam mit Professor Müller arbeitet Tetiana Korkh im Bereich „Angewandte Informatik“ und im Computer-Labor speziell zu schwarmbasierter Logistik. „Wir befassen uns mit Künstlicher Intelligenz und im Speziellen mit autonomen Transport- und Lieferfahrzeugen, die zum Beispiel Personen oder Ampeln in Echtzeit erkennen“, erklärt Müller und fügt an: „Es gab eine freie Assistentenstelle, die anspruchsvoll ist und zunächst nicht besetzt werden konnte. Ich bin sehr glücklich, dass wir mit Tetiana Korkh hierfür die Richtige gefunden haben. Ihr Lebenslauf und ihr fachliches Profil haben mich sehr angesprochen. Die anfänglichen Sprachbarrieren überwanden wir schnell dank Online-Übersetzern.“

Müller lobt auch Korkhs „sorgfältige Bescheidenheit“ mitsamt ihren sehr guten Fachkenntnissen und geht dann zusammen mit ihr auf die tägliche Arbeit ein: „Wir bauen in etwa den visuellen Cortex des Gehirns nach und behelfen uns mit dem Einsatz vieler Kameras. Wir setzen viele Komponenten Künstlicher Intelligenz ein.“

Der neue Jahrgang im Bereich „Angewandte Informatik“ am DHBW-Campus Bad Mergentheim umfasst 37 Studenten – in Summe sind es seit Herbst 2019 bereits über 100 Studenten. „Das ist eine Erfolgsstory“, so Müller, der im Frühjahr 2020 in die Kurstadt kam.

Beim Wahlpflichtmodul „Künstliche Intelligenz“ ist beispielsweise ein Projekt mit der Stadt Bad Mergentheim geplant für ein autonomes Bewässerungs-Fahrzeug, das über Sensoren im Boden, die Wasserbedarf anmelden, angefordert wird und nachhaltig in Abhängigkeit vom Pflanzentyp den optimalen Wasserbedarf anwendet.

Tetiana Korkh erstellt zum Beispiel Tutorials für die Studierenden. Sie ist zudem im Labor (Swarm Lab) eingebunden und „tüftelt selbstständig und akribisch“, freut sich Professor Müller und ist voll des Lobes.
Korkh fühlt sich ihrerseits sehr wohl und schätzt auch Bad Mergentheim. Die Verbindung in die Heimat hält sie über Freunde und Bekannte. Ihre Mutter und zwei Brüder sind mit nach Deutschland gekommen.

Der Krieg und das viele Leid ihrer ukrainischen Landsleute machen sie sehr betroffen. Sie hofft, dass bald wieder Frieden einkehrt.

 

Ein Bericht von Sascha Bickel/Fränkische Nachrichten