Das Virus und die Digitalisierung

Prof. Dr. Dietrich Emmert im Interview über die digitalen Folgen der Corona-Krise

Jeder zweite Berufstätige arbeitet in der Corona-Krise ganz oder zumindest teilweise von Zuhause aus, fand eine Bitcom-Erhebung heraus. Jeder fünfte Berufstätige ist dabei erstmalig im Homeoffice. Prof. Dr. Dietrich Emmert, Studiengangsleiter für BWL-Digital Business Management am DHBW-Campus Bad Mergentheim, spricht im Interview darüber, wie das Virus die Welt um uns herum in rasantem Tempo digitalisiert, über die Chancen für Kommunen und kleine Unternehmen – und warum „social distancing“ auch zu mehr Nähe führen kann. 

Professor Emmert, sind wir in und mit der Corona-Krise digitaler geworden? 

Oh ja, in jedem Fall. An der Hochschule haben wir zunächst die vertrauten digitalen Kanäle intensiver genutzt, beispielsweise Vorlesungsunterlagen auf unsere Lernplattform Moodle gestellt, Foren eingerichtet, über die wir kommunizieren können, und Lernzielkontrollen in Form von Kurztests, Präsentationen oder kurzen Essays eingeführt. Im nächsten Schritt haben wir uns alle gemeinsam, also die Studierenden mit uns Professoren, mit der Möglichkeit von Webkonferenzen vertraut gemacht. Wir haben sehr schnell bemerkt, dass viel persönliche Nähe zwischen Studierenden und Dozent durch Video-Formate geschaffen wird, also durch Bild und Ton. Zu Beginn war es eher eine einseitige Kommunikation, meist habe also ich geredet. Zwischenzeitlich haben wir hier eine rege Interaktion und eine gewisse Normalität erreicht. Dieses Format möchte ich in Zukunft viel öfter nutzen, um mich auch kurzfristig gegenseitig auszutauschen, um Fragen zu beantworten insbesondere in der Phase der Klausurvorbereitung.

Was beobachten Sie, wie geht ihr Umfeld mit der neuen Situation um?

Wenn ich in den privaten Bereich schaue, dann stelle ich fest, dass insbesondere die Kids, beispielsweise mein neunjähriger Sohn, wie selbstverständlich mit ihren Kumpels oder den Großeltern skypen, was vorher nicht der Fall war. Auch nutzt er inzwischen wie selbstverständlich digitale Lernprogramme zur Unterstützung. Hier kommt insbesondere durch die Möglichkeiten des spielerischen Lernens eine ganz neue Motivation dazu.

Und Ihre Studierenden? 

Auch sie kommen mit dem digitalen Format bisher sehr gut klar. Problematisch allerdings ist es in diesem Format, sich die Aufgaben selber zu strukturieren. Ich halte die Lerneinheiten deshalb entsprechend klein, setze klare Zeitvorgaben und entsprechend kurz getaktete Lernzielkontrollen. Interessanterweise beobachte ich genau das auch bei meinem Sohn, der sich sehr darüber beschwert, dass er von seiner Lehrerin Aufgaben für drei Wochen gestellt bekommen hat und sich diese selbstständig einteilen soll.

Das ist ein guter Tipp für die Lehrbeauftragten und auch für Eltern – lässt sich das auch ins Homeoffice übertragen? 

Ja, ich denke für das Homeoffice gilt das gleichermaßen, sich die Arbeit entsprechend zu strukturieren und in kleine Arbeitseinheiten einzuteilen, am besten mit einem klaren Zeitplan wie einem Stundenplan. Damit und mit klaren Pausenzeiten lassen sich private Aufgaben und Interessen mit dem Berufsleben vereinbaren.

Ist das dann schon die "digitale Transformation", dieses große Wort, das wir in den letzten Jahren so oft gehört haben?

Ich bin sicher, dass all diese Erfahrungen einen wertvollen Beitrag zur digitalen Transformation unserer Gesellschaft in allen Bereichen leisten werden. Hier werden Hemmschwellen abgebaut und die wertvolle Erfahrung aufgebaut, dass auch digitale Kommunikation eine Verbundenheit zueinander herstellt. Wir befinden uns derzeit in einer absoluten Sondersituation, sind alle gleichermaßen Leidensgenossen und allein aus diesem Zustand ergibt sich eine Verbundenheit. Viele erkennen jetzt die Vorteile einer Mensch-Technologie-Kooperation und dass die Technologie den Menschen in vielen Bereichen unterstützen kann. Inwieweit die Nutzung digitaler Möglichkeiten sich auf einen voll durchgetakteten normalen Arbeitsablauf übertragen lässt, in dem jeder wieder in seiner Struktur gefangen ist, lässt sich aktuell noch nicht beurteilen. 

Sie sagen also, die Krise und die soziale Distanzierung in der Realität stärken die Akzeptanz, neue digitale Wege auszuprobieren. Gilt das auch für Unternehmen und Behörden?

Digitale Verweigerer lassen sich nur sehr schwer überzeugen. Diejenigen aber, die zögerlich und bisher zurückhaltend waren, werden sehr schnell begeistert sein. Wir sind in der aktuellen Situation gezwungen, andere Wege zu gehen, neue Technologien einzusetzen. Ich gehe davon aus, dass dabei doch zumeist die positiven Erfahrungen überwiegen, was zu einer sich selbst verstärkenden Situation führt. Auch glaube ich, dass insbesondere die digitale Transformation im Bereich der Behörden und Kommunen einen riesigen Schub erfahren wird. Hier glaube ich tatsächlich, dass die Digitalisierung mehr Nähe zwischen Bürgern und ihren kommunalen Verantwortungsträgern schaffen wird. Wir haben – noch vor Corona-Zeiten – ein Projekt mit einer hiesigen Gemeinde gestartet, um digitale Technologien für bessere Informationen und mehr Bürgernähe zu entwickeln und zu erproben. 

Welche Rolle spielen dabei die sozialen und wirtschaftlichen Faktoren – lassen wir nicht die ohnehin Benachteiligten weiter zurück? Welche Lösungen kann es dafür geben?

Wenn ich hier wieder auf die Situation meines Sohnes in der dritten Grundschulklasse zurückkommen darf, dann muss ich diese Frage eindeutig mit Ja beantworten. Soziale Herkunft wird (mit) entscheidend sein, wie gut oder schlecht die Schüler mit welchem Lernerfolg aus dieser Situation hervorgehen. Es wird ganz eindeutig Verlierer geben, die nicht die ausreichende Unterstützung erfahren. Das liegt jedoch nicht an der mangelnden Verfügbarkeit digitaler Kommunikationstechnologie wie Rechnern oder Tablets. Die Verfügbarkeit von Technologien ist heute meines Erachtens keine Frage des verfügbaren Einkommens, denn die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben ist in allen Schichten gleichermaßen vorhanden. Hingegen ist die Frage der sinnvollen Nutzung für Schule und Bildung auch abhängig von der sozialen Herkunft. Das gleiche Phänomen lässt sich seit langem auch beim Fernsehkonsum beobachten.

Wie gehen die Unternehmen mit der neuen Situation um? 

Hier kann ich nicht aus erster Hand, aber doch von Erfahrungsberichten aus meinem direkten persönlichen Umfeld berichten: In den Unternehmen hat sich eine andere Besprechungskultur etabliert. Dies ist weniger eine Frage der digitalen Technologien, denn die sind schon seit geraumer Zeit verfügbar sind, sondern eine Frage der jetzt viel intensiveren Nutzung. Aber auch hier hat sich die Art der Kommunikation verändert. Themen werden deutlich fokussierter und effizienter besprochen, sowohl online als auch offline oder in Kombination. Auch wenn das Socializing deutlich geringer ausfällt, ist doch der Zusammenhalt in den Unternehmen zwischen den Kollegen größer geworden. Die Entgrenzung, die insbesondere durch den sehr hohen Anteil an Kollegen im Homeoffice stattfindet, führt nicht zu Entfremdung oder geringerer Verbundenheit in den Unternehmen, sondern schweißt im Gegenteil noch enger zusammen. 

Denken Sie, diese Entwicklung ist langfristig zu beobachten?

Wenn Unternehmen zukünftig entsprechende digitale Formate in der Zusammenarbeit einsetzen, sollten sie gezielte Maßnahmen ergreifen, um einer Entgrenzung zwischen Mitarbeitern und Unternehmen entgegenzuwirken. Dabei wird das sinnstiftende gemeinsame Erlebnis, für ein Unternehmen zu arbeiten, die Corporate Identity, eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Wo sehen Sie die größten Chancen für die Wirtschaft?

Das größte Potential haben hier neue digitale Geschäftsmodelle, insbesondere bei Unternehmen, die bisher ihre Geschäfte offline abwickeln – gerade auch kleine und mittlere Unternehmen. Als Konsument beobachte ich erfreut, dass beispielsweise sehr viele Gastronomiebetriebe eine täglich wechselnde Speisekarte ins Internet stellen und einen entsprechenden Liefer- oder Abholservice anbieten. Ich beobachte aber auch Geschäfte im Einzelhandel, die bisher kaum Online-Aktivitäten gezeigt haben und nun digitale Modenschauen per Video aufzeichnen, im Netz veröffentlichen und sich mit ihren Kunden über Social Media darüber austauschen. Besonders erwähnenswert finde ich hier meinen „Haus-Winzer“, der eine digitale Weinprobe anbietet. Dafür versendet er vorab Probiersets verschiedener Weine, verköstigt sie in einer Video-Konferenz gemeinsam und tauscht sich über die Gaumenerlebnisse aus. Auch im Unterhaltungsbereich finden sich ganz neue innovative Geschäftsmodelle die digital stattfinden. Gerade an diesem Beispiel sieht man, dass ein Kundenerlebnis zukünftig sowohl aus digitalen als auch aus realen Touchpoints besteht, die alle im persönlichen Erleben beruhen.

Was lernen Sie und wir daraus für die Zukunft? 

Ich denke hier müssen wir erst die Erfahrungen die wir derzeit machen dürfen auswerten und interpretieren um aus den Beobachtungen Erkenntnisse zu gewinnen. Die geschilderten Beispiele und Entwicklungen arbeiten wir zum Beispiel in unserem Kolloquium für digitale Transformation in Bad Mergentheim am 15. Oktober 2020 auf. Hier werden wir Erfahrungsberichte aus unterschiedlichen Unternehmen aus dem Main-Tauber-Kreis hören. 

Kolloquium für digitale Transformation

Das Kolloquium richtet sich an Führungskräfte und Fachverantwortliche aus allen Unternehmensbereichen die sich mit der Digitalen Transformation beschäftigen oder Informationen hierzu aus 1. Hand bekommen möchten. Auf der Agenda steht digitale Organisationskultur, Vertriebsstrukturen, digitale Geschäftsmodelle, Data Security und mehr. Anmeldung und vollständiges Programm: www.kolloquium-digitale-transformation.de

 

Datum 15. Oktober 2020
Uhrzeit 09:00 - 16:00 Uhr
Ort Campus Bad Mergentheim, Roter Saal
Schloss 16, 97980 Bad Mergentheim

 

Kontakt

Prof. Dr. Dietrich Emmert
  • Studiengangsleitung Digital Business Management

Johann-Hammer-Str. 24
97980 Bad Mergentheim